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Aus dem Schrank auf die Vitrine - Lesben schreiben ihre eigene Kirchengeschichte

Veranstaltung auf dem 35. DEKT in Stuttgart 2015
- Protokoll I -

Vier Fragen:

  1. Was findest du aus deiner lesbischen Biographie so wichtig, dass es bewahrt werden sollte?
  2. Deine schönste / schlimmste lesbische Erfahrung.
  3. Was hält dich in der Amtskirche?
  4. Was von deinem Glauben möchtest du anderen weitergeben?

 

Junge Frau (A)

Frage 1:
Wer ist noch lesbisch wie ich? Ich bin mit einem pietistischen – evangelikalen Hintergrund aufgewachsen. Als Jugendliche war ich in der Gemeinde aktiv in der Jugendarbeit. Eines Tages erzählte eine Teamkreisleiterin, "sie habe gehört ihre Aerobictrainerin sei lesbisch". Und sie erklärte mir gegenüber gleich danach, "Da gehe ich nicht mehr hin!"

Darauf hin habe ich mein lesbisches Dasein lange verschwiegen. Später im Studium – in der Ausbildung zur Diakonin – habe ich andere lesbische Frauen kennengelernt und erfahren, dass ein offen sein möglich ist.

Es gab und gibt auch KollegInnen, die die Homosexualität mit der Begründung ablehnen, dass es nicht biblisch sei. Wir beschäftigen uns im Kollegenkreis viel mit dem Thema aktuell ausgelöst durch den neu angestrebten Bildungsplan in Baden – Württemberg.

Frage 2
In unserer Stadt sollte eine Jugendevangelisation stattfinden. Für das Seelsorgeteam wurden MitarbeiterInnen gesucht. Darauf habe ich mich gemeldet. Ich war noch im Studium. Auf einmal war ich zum Gespräch gebeten. Der "oberste Organisator" hatte gehört, dass ich lesbisch sei. Nun sagte er mir, dass ich nicht im Seelsoreteam mitarbeiten dürfe. Ich hätte nicht die richtige Lebensform. So wurde ich ausgeschlossen.

Zu diesem schlimmen Erlebnis hat es Jahre später eine positive Fortführung gegeben. Eine Jugendliche ist zu mir gekommen und hat sich mir gegenüber geoutet. Sie sagte: "Dir kann ich es erzählen. Du weiß ja damit Bescheid".

Frage 3
"Ich bin mit Gott unterwegs – Gott ist mit uns unterwegs." Für mich ist es gar keine Frage aus der Kirche auszutreten. Ich finde es wichtig miteinander zu lernen und gemeinsam Wege zu finden. Positive Erfahrungen mit verschiedenen PfarrerInnen geben mir Mut

Frage 4
Für mich steht im Zentrum die Frage: "What would Jesus do?" (Was würde Jesus tun?) Dazu gibt es Armbänder (WWJD) Ich meine Jesus würde gut mit den Menschen umgehen und würde das richtige sagen.

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Frau - 27 Jahre (C)

Frage 1:
Ich bin bisexuell. Ich weiß das seit einem Jahr. Meine Familie weiß es noch nicht. In der Gemeinde erlebe ich viel Offenheit bei diesem Thema.

Frage 2:
Für mich ist es eine schöne Erfahrung, dass ich bisexuelle Freunde habe, auch lesbische Freundinnen und einen schwulen Kumpel. Ich werde so angenommen wie ich bin. Ich werde als Person gesehen. Es kommt nicht auf die Sexualität an.

Frage 3:
Meine Gemeinde ist eine Stadt-Gemeinde. Was sollte schlimmes passieren, wenn ich mich oute? Ich kenne seit meiner Geburt die Menschen hier. Ich fühle mich mit ihnen sehr verbunden.

Frage 4:
Wir Menschen sind sowohl gleich als auch verschieden. Die Unterschiedlichkeiten zeigen sich im äußerlichen – in der Art in dem wir leben; im Inneren – im Glauben geht es uns allen um das Gleiche.

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Frau - über 50 Jahre (C)

Frage 1:
Ich war verheiratet und bin Mutter von mehreren Kindern. Ich lebte auf dem Land als Bäuerin. Plötzlich habe ich mich in einer Frau verliebt. Ich fragte mich, was ist das? Das ganze war ein langer Prozess. Ich habe auch eine Therapie gemacht. Der Begriff  „lesbisch“: konnte ich den auch auf mich anwenden? Ich habe auch mit meinem darüber Mann gesprochen und wir waren uns einig: “Das ändert nichts an unserem Leben.“ Jedoch hat mein Mann die Situation in Wirklichkeit nicht verarbeitet. Zusammen mit seinen Eltern hat er mich beim Jugendamt angezeigt. Resultat: Das Amt hat mir alle Kinder weggenommen bis auf den Säugling, die ich noch stillte. Es gab eine psychologische Untersuchung. Diese ging positiv für mich aus. Der Vorwurf, dass ich die Kinder nicht gut behandelt hätte, musste zurück genommen werden. Ich habe die Kinder zurückbekommen. Zusammen mit ihnen bin ich zunächst ins Frauenhaus geflohen. Auf einmal war ich eine Alleinerziehende Mutter. Heute bin ich lange geschieden.

Ich habe das Ganze als „Strafgericht“ erlebt eben weil ich lesbisch bin. Rückblickend ist mir klar geworden, dass ich in meiner Offenheit anderen gegenüber viel zu naiv war. So hat mich auch ein Pfarrer dem ich mich anvertraute anderen Stellen gegenüber „verraten“.

Frage 2:
Wenn ich abgelehnt werde und ich weiß nicht warum, ist das eine schlimme Erfahrung für mich. Dass es darin liegt, dass ich lesbisch bin, wird nicht ausgesprochen. Ich gehöre zu einer Glaubensgemeinde. Die meisten Menschen nehmen mich an wie ich bin. Doch von der Gemeindeleitung heißt es oft: „Wir brauchen keine Leute mehr“, wenn ich mich für eine Aufgabe melde.

Ein sehr schönes Erlebnis war für mich als ich einmal sehr traurig war und ein schwuler Mann mich getröstet hat. Das war sehr berührend. Ich nenne ihn seitdem „Engel“.

Frage 3:
Seit 10 Jahre gehöre ich einer Glaubensgemeinschaft an. Wir teilen gemeinsame religiöse Vorstellungen. Am Anfang war ich total glücklich. Nachdem ich bei einer Veranstaltung Partei für Lesben und Schwule ergriffen habe, ist das Verhältnis zum Pfarrer und zu einer leitenden Frau belastet. Trotzdem sage ich: „Das ist meine „Familie“!

Frage 4:
„Des Herrn Rat ist wunderbar“. Das ist ein alter Spruch. Jemand hat im Gebet mit Gott gesprochen und hat Rat bekommen. So möchte ich mich Gott anvertrauen. „Ich möchte mich durch dich Gott führen lassen. Wirke durch mich“.

 

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Zwei andere Frauen – die nicht lesbisch waren – nahmen an unsere Gruppe teil. Hier sind ihre Kommentare zu den Fragen.

Junge Frau - Schülerin (B)

Frage 1
Mich interessiert das Thema. Eine Zeit lang hat es als Frage für mich im Raum gestanden; ob ich lesbisch bin. Ich denke, dass ich es nicht bin.

Frage 4
Ich will weitergeben, wie wichtig die Gemeinschaft ist. Auch in schwierigen Situationen ist Hilfe möglich.

 

Frau über 50 Jahre (D):

Frage 1
Ich bin nicht lesbisch, aber möchte es besser verstehen, was es heißt lesbisch zu sein.

Frage 4
Wir brauchen mehr Toleranz. Menschen dürfen nicht nach ihrer Sexualität bewertet werden. Jesus hätte das auch nicht getan.

 

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Anmerkung: Wir danken allen Frauen für das Gespräch. Alle waren damit einverstanden, dass wir ihre Beiträge anonymisiert mitschreiben und auf unsere Internetseite stellen.

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