Frauensymbol

Geh und lebe

Vortrag von T. bei "Gay in may"
Osnabrück, 10.5.2007

Ausschreibung: Geh und lebe
Das lesbische und schwule Leben ist in unserer Gesellschaft und in der (katholischen) Kirche nicht immer eine reine Freude. Einerseits wird das lesbische und schwule Leben immer „normaler“ – dank Partnerschaftsgesetz -  andererseits bleiben viele Vorbehalte. In der Veranstaltung gebe ich einen kurzen theologisch-biblischen und gesellschafts- kirchenpolitischen Input. Miteinander können wir dann den Gedanken nachgehen, was zum Leben hilft.

Einleitung
"Geh´ und lebe" so sagt Gott zu Abraham und Sarah (Gen.12,1). Geh, geh vor dich hin, heißt es wörtlich. Gemeint ist ein „sich auf den Weg machen“ und weil der Weg ein Aufbruch ist und ein ungewisses Ziel hat, werden Abraham und Sarah gesegnet.
Die Aufforderung "geh´ und lebe" gilt aus theologischer Sicht, so finde ich, auch uns Lesben und Schwulen.

Einen großen  Aufbruch haben wir als Lesben und Schwule auch in den Kirchen hinter uns. Im Zuge des gesellschaftspolitischen Aufbruchs sind wir auch in den Kirchen laut geworden, haben uns organisiert und haben unsere Kirchen auf uns aufmerksam gemacht.

Zu beiden Feldern möchte ich einen kurzen Input geben und dann mit Ihnen ins Gespräch kommen.

Theologisch-biblischer Input
Das Buch der Bücher enthält viele Liebeserklärungen Gottes gegenüber den Menschen. Es beschreibt wie sehr Menschen die Liebe Gottes als Grundlage in ihrem Leben erfahren haben. Das Buch wirbt dafür diese Liebe zu erkennen. Jesus steht für diese Liebe Gottes ein und wirbt dafür, dass wir uns auch untereinander lieben. Die Briefschreiber im NT nehmen diesen Gedanken mit Nachdruck auf.

In der Diskussion um "Homosexualität" ist zu beachten, dass in der Bibel an keiner Stelle  von Partnerschaften oder Ehen die Rede ist, so wie wir sie heute kennen. Keine Ehe wurde damals beim Standesamt eingetragen oder hatte die Änderung der Steuerklasse zur Folge. Für die Versorgung der Witwen waren die Schwager per Heirat verpflichtet. Von einer partnerschaftlichen Gestaltung der Lebensgemeinschaften oder von Liebe war nicht die Rede.
So kennt die Bibel auch nicht die lesbische oder schwule Lebensgemeinschaft, die sich auf Liebe gründet. D.h. zu den homosexuellen Partnerschaften wie wir sie heute kennen machen die biblischen Bücher keine Aussagen.

Sehr wohl gibt es atl. und ntl. Aussagen über das Zusammenleben von Menschen, im NT auch von Menschen in christlichen Gemeinden. Da ist durchgängig von der Liebe untereinander die Rede. (Kol.3, 12-14).

Immer wieder aber wird mit der Bibel begründet, dass Gott gegen Homosexualität sei. Es sind einzelne Bibelstellen, die belegen sollen, dass Homosexualität Sünde sei. (Lev.18,22 + 20,13; Röm. 1,26+27; in V26 Frauen!; 1.Kor.6,9-11; 1.Tim1,10 zwischen Männern und Knaben; Gen.19,1-11 die Sünde Sodoms ist die Verletzung des Gastrechts – nicht etwa das Angebot Lots, seine Töchter zur Vergewaltigung an die Männer Sodoms auszuliefern.)

Ausgangspunkt dieser Auslegung ist ein biblizistisches Verständnis, das diese Bibelstellen wortwörtlich nimmt. Allerdings wird diese Art der Auslegung nur auf diese Stellen angewendet. Auf die anderen Gesetze des Heiligkeitsgesetzes z.B. finden sie keine Anwendung. Die Auslegungsmethode wird also nur auf einige Stellen angewendet, nicht auf alle. Hinzu kommt, dass behauptet wird, man würde ja gar nicht auslegen, sondern nur lesen was dasteht. Dass auch diese eine Art der Auslegung ist, wird nicht gesehen.

Eine sich durchziehende theologische Erkenntnis ist mittlerweile, dass die Bibel der Auslegung bedarf. Ausgelegt wird sie in christlichen Zusammenhängen von der Mitte der Schrift her, von Jesus Christus. Von ihm her, von unserem Verständnis seiner Lehre her, legen wir die Worte der Schrift aus.

In der Frage lesbischen und schwulen Lebens geht es also nicht um die Auslegung dieser besagten Stellen, sondern um das Gesamtverständnis der Botschaft  der Bibel. Ich sehe in der Botschaft eine große Ermutigung zum Leben. Eine Aufforderung das Leben in die Hand zu nehmen und zugleich die Stärkung, dies auch tun zu können.

In der Bibel ist die Grundlage für menschliches Zusammenleben in allen Bezügen das höchste Gebot, das Jesus aus dem AT zitiert.  Liebe Gott..Mk.12, 28-31  es ist ein Dreifachgebot der Liebe. Dieses ist unter allen Umständen zu beachten.
Die daraus entwickelten ethischen Forderungen für Beziehungen gelten, so meine ich, für jede Partnerschaft: Hierarchiefrei, gleichberechtigt,  gewaltfrei, verlässlich, auf Dauer angelegt. Diese Kriterien gelten für alle, ob verpartnert oder nicht, ob unverheiratet oder in der Ehe.
Kurz gesagt: es ist nicht entscheidend wer wen liebt, sondern wie diese Liebe gelebt wird.

Deshalb ist auch die Frage, ob denn die lesbische und schwule Liebe Sünde sei, grundlegend mit NEIN zu beantworten.
Sünde meint die Entfernung von Gott. Für mich ist es Sünde, wenn Menschen lieblos miteinander umgehen, sich Gewalt antun oder Missachtung üben. Das ist unabhängig von der Geschlechtlichkeit der Beziehung.
Die Liebe ist für mein Verständnis auch das Wesen Gottes. Inder Liebe zueinander spiegelt sich für uns Menschen die Liebe Gottes wider. Das Entscheidende ist also die Gestaltung der Beziehung, nicht ob es zwei Frauen,  ein Mann und eine Frau, oder zwei Männer sind.

So ist für mich die Grundaussage der Bibel zum Thema Homosexualität unter  dem Liebes-Gebot zu sehen. Ein ermutigendes „geh´ und lebe“ , wie Gott es zu Abraham und Sarah sagt – Gen. 12,1 – lech-lecha

(Unterscheidung von platonischer, erotischer, sexueller Liebe, zwischen eros und  agape lasse ich weg)

Gesellschafts-kirchenpolitischer Input
Nach meiner Wahrnehmung hat sich die Stimmung im Lande gegenüber Lesben und Schwulen seit dem Partnerschaftsgesetz – August 2001 – verbessert. Die Diskussionen im Vorfeld haben viel zum Angstabbau in der Bevölkerung beigetragen und das Gesetz selbst ein Stück "Normalisierung" gebracht. Die Lückenhaftigkeit des Gesetzes, das alle Pflichten für Schwule und Lesben beinhaltet, aber kaum Rechte, soll hier nicht Thema sein, ebenso wenig wie Diskussion darum, ob dieses Gesetz der Verpartnerung nun aus feministischer Sicht ein Erfolg ist.
Es ist viel erreicht mit dem Gesetz. Ich habe den Eindruck, dass mit dem Gesetz  eine  gesellschaftliche Anerkennung einhergeht. Gesetze folgen gesellschaftlichen Strömungen und können sie andererseits auch bestimmen.
Die Kirchen zogen aus diesen Gesetzen unterschiedliche Konsequenzen:
Katholisch: Angestellte der katholischen Kirche werden bei einer Verpartnerung entlassen. Dieses Recht ist durch die staatliche Anerkennung des Tendenzbetriebes gedeckt. Die katholische Kirche hat sich sehr eindeutig und zu jeder Zeit gegen Homosexualität geäußert. Die Frage einer kirchlichen Segnung für Verpartnerte stellte sich erst gar nicht.

Evangelisch: die ev. Kirche hat sich im Vorfeld des Partnerschaftsgesetzes für eine rechtliche Regelung homosexueller Partnerschaften eingesetzt. Auch wenn sie ein solches Gesetz nicht wollte muss sie es nun anerkennen. Eine Entlassung Verpartnerter ist rechtlich nicht durchsetzbar. Nichtsdestotrotz reagieren einige evangel. Landeskirchen mit Repressalien, wenn sie offiziell vom lesbischen oder schwulen Leben ihrer Mitarbeitenden oder PastorInnen erfahren.
 
In Sachen Segnung tun sich die Landeskirchen schwer. Die Diskussionen sind witzig bis absurd, würde es nicht um unsere Würde gehen. Das Leitbild Ehe wird formuliert und der Unterschied an der biologischen Möglichkeit der Kinderzeugung festgemacht. Eine Segnung soll sich deshalb im gottesdienstlichen Handeln deutlich von einer Trauung unterscheiden. Eine offizielle Agende, die die EKD in Auftrag gegeben hat ist nicht veröffentlich worden, es gibt bis heute keine. Was nur unterstreicht, wie merkwürdig die EKD eigene Argumentation ist.
In den Landeskirchen sind Regelungen zu Segnungen getroffen worden. In den meisten ist es möglich wenn:

  1. die Paare vom Standesamt kommt (wie bei der Ehe)
  2. der Kirchenvorstand Segnungen grundsätzlich zugestimmt hat
  3. die Pastorin/der Pastor grundsätzlich einverstanden ist

Auch in Landeskirchen, die Regelungen zu Segnungen nicht beschlossen haben werden Segnungen gefeiert. Die ev. Kirche bietet in allen Fragen einen großen Spielraum und die Gemeinden entscheiden vieles selbst, auch gegen das Landeskirchenamt.

Diesen Spielraum gibt es meines Wissens nach in der katholischen Kirche nicht.
In beiden Kirchen sind die Organisationen der Lesben und Schwulen aktiv um zur Anerkennung unserer Lebensform zu sorgen. Die katholische Kirche ist da der weitaus härtere Brocken.         

 Wir bleiben dran: geh´ und lebe!

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